Vor einigen Tagen hat
Roland Abold Ergebnisse seiner Studie zum Online-Wahlkampf in einem Working Paper des BACES (Bamberger Centrum für Europäische Studien)
veröffentlicht. Er interpretiert die Befunde der ersten Befragungswelle, die im Juni durchgeführt wurde, als Beleg dafür, dass sich Weblogs als eine Form des onlinegestützten Informations- und Meinungsaustauschs zur Bundestagswahl und zu politischen Themen im allgemeinen etabliert haben. Eine zweite Welle relativ zeitnah zur Wahl soll u.a. klären, wie dynamisch die Entwicklung der politischen Blogosphäre in Deutschland ist, sowohl im Hinblick auf Verbreitung und Kenntnis von Wahlblogs als auch auf die damit einhergehenden Erwartungen von Autoren und Lesern (die meines Erachtens noch spannendere Frage).
Diese zweite Welle wird vor allem deshalb interessant, weil sich seit Juni einiges getan hat und immer mehr bloggende Politiker auftauchen - von denen sich aber viele mit den Konventionen der Weblog-Welt noch schwer tun. Ein Blog-Eintrag ist eben kein Brief an die Wähler und kein Ort für politische PR im Pressemitteilungsstil. Die
TAZ spricht zu Recht von "skurrilen, peinlichen oder auch nur langweiligen Folgen" bei Politiker-Blogs, die
FTD macht dort die "üblichen Polit-Stanzen" führender Politiker der Regierung oder Opposition aus, die sich nun - vermutlich von ihren Kommunikationsstrategen dazu gedrängt - in der Blogosphäre tummeln. Da kommt dann schon mal ein
genüßlich zerpflückter Lapsus wie bei Ursula von der Leyen vor, die ihr Weblog aus Zeitgründen einstellte und sich von den Lesern
verabschiedete: "An einem Blogging mitzumachen, war eine neue und wertvolle Erfahrung für mich". Nun gut, was für einfache Blogger gilt, sollten wir auch Politikern zugestehen: In der Anfangsphase eines Weblogs experimentieren sehr viele Nutzer erst mal mit Form und Inhalt. Dumm nur, wenn halb Bloggersdorf und immer mehr Journalisten bei den Gehversuchen zuschauen...
Was die Politblogschelte manch klassischer Medien aber übersieht: Die spannenden Neuerungen finden woanders statt. Mehrere Gruppenblogs haben sich etabliert, in denen überwiegend auf hohem Niveau informiert und diskutiert wird – siehe z.B.
lautgeben.de, das
Wahlblog und nicht zuletzt das Wahlblog05. Hinzu kommen (buchstäblich) unzählige weitere Blogs, die sich regelmässig oder sporadisch an den verteilten Konversationen beteiligen; dort kommunizieren Autoren auch mit ihren Leser, während bei den meisten Abgeordneten-Blogs die Kommentatoren unter sich bleiben. Die wahre Stärke der politischen Blogs liegt also darin, die Stimme des Bürgers mindestens gleichberechtigt mit der des Politikers öffentlich zu machen.
Was noch aussteht, wenn ich mir meine
Prognosen von Ende Mai anschaue: Das Agenda-Setting von Blogs in die Massenmedien hinein. Im Moment scheint es mir, als ob die klassischen Medien (siehe oben das TAZ-Beispiel) das Thema "Weblogs und Politik" zwar beobachten, aber es allzu oft mit einem Verweis auf vermeintliche oder tatsächliche Banalität abhandeln. Sind die blogbasierten Diskussionen tatsächlich irrelevant, oder zeigen sich hier eher Abgrenzungsversuche des traditionellen (politischen) Journalismus?