Was für ein organisatorisches Monsterteil so eine Kundgebung mit dem Kanzler. Eine riesige Bühne wurde zwei Tage zuvor aufgebaut, eine Videoleinwand, Barieren rund um den Zuschauerbereich und am Ende die Erkenntnis, dass für solche Ereignisse uns schlichtweg ein Platz in der Stadt fehlt, aber dazu später.
Der Terminkalender hatte für mich zwei Aussentermine an diesem Tag, einmal 60 Jahre Rhein-Neckar-Zeitung und die besagte Kanzlerkundgebung. Ja und eigentlich hätte der Kanzler da auch kurz reinschauen sollen, konnte aber nicht, sein Hubschrauber hatte 20 Minuten Verspätung und ich hatte Glück, denn auf normalem Wege war ein Zutritt zur Kundgebung nicht mehr möglich gewesen.
Ein freundlicher Mann vom BKA nahm mich durch den Hintereingang rein. Schon zwei Stunden vorher bekam ich SMSes von Freunden, die fragten, wie sie da noch Zutritt bekommen würden. Der Uniplatz der Altstadt war rappelvoll, auf den Telefonhäuschen und Laternen saßen die Zuschauer, die Menschentraube dröselte sich bis zur Hauptstraße hoch. Mit 5000 Zuschauern hatte man gerechnet, es dürften doppelt soviel gewesen sein. Vom Vorprogramm bekam ich nichts mit. Talkrunden mit den Kandidaten der benachbarten Wahlkreise und Torch und Toni L. rappten das Publikum in Stimmung. Die Videoclips kannte ich von der Homepage der SPD.
Ute Vogt eröffnete das Hauptprogramm des Abends mit vorgetragenen Angriffen auf Angela Merkel und Günther Oettinger den Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, der Paul Kirchhofs Privatisierung der Rente nach Vorbild der KFZ-Haftpflichtversicherung befürwortet. Uwe Hück, Konzernbetriebsratsvorsitzender der Porsche AG, sprach für die Arbeitnehmerschaft und solidarisierte sich mit dem Kanzler.
Tja, dann kam er und war die Stimmung schon ganz gut, brandete ein Orkan der Begeisterung auf. Gerhard Schröder knetet das Rednerpult mit der Linken und arbeitet sich mit der rechten durch seine frei vorgetragene Rede. Er erweckte den Eindruck, als ob er es im Alleingang mit allen auf einmal aufnehmen könnte. Kraftvoll und energiegeladen lässt er keine Sekunde einen Zweifel daran, dass er Kanzler ist und auch bleiben wird. Und das überträgt sich auf die Zuhörer, die begeistert mitgehen.
Wie im ganzen Wahlkampf, mehr als die Hälfte der Zuschauer unter 30 und irgendwie hat die ganze Veranstaltung etwas von einem U2 Konzert.
Nach 40 Minuten beendet er seine Rede, in der viel von Ökologie, sozialer Gerechtigkeit, dem Professor aus Heidelberg und die Rolle Deutschlands in der Welt die Rede war, unter dem Jubel des Publikums.
Die Kneipen der Altstadt hatten an diesem Montag überproportional viel zu tun. Verschweigen möchte ich nicht, dass die Organisatoren vom Publikumsandrang überrollt worden sind und die Beschallung dieser Menschenmasse nicht gewachsen war. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in Heidelberg auf einer politischen Veranstaltung soviele Menschen gesehen zu haben.
claus.wichmann - 9. Sep, 19:10