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Freitag, 9. September 2005

Straßenwahlkampf in Heidelberg - Teil V - Der Kanzler

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Was für ein organisatorisches Monsterteil so eine Kundgebung mit dem Kanzler. Eine riesige Bühne wurde zwei Tage zuvor aufgebaut, eine Videoleinwand, Barieren rund um den Zuschauerbereich und am Ende die Erkenntnis, dass für solche Ereignisse uns schlichtweg ein Platz in der Stadt fehlt, aber dazu später.

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Der Terminkalender hatte für mich zwei Aussentermine an diesem Tag, einmal 60 Jahre Rhein-Neckar-Zeitung und die besagte Kanzlerkundgebung. Ja und eigentlich hätte der Kanzler da auch kurz reinschauen sollen, konnte aber nicht, sein Hubschrauber hatte 20 Minuten Verspätung und ich hatte Glück, denn auf normalem Wege war ein Zutritt zur Kundgebung nicht mehr möglich gewesen.

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Ein freundlicher Mann vom BKA nahm mich durch den Hintereingang rein. Schon zwei Stunden vorher bekam ich SMSes von Freunden, die fragten, wie sie da noch Zutritt bekommen würden. Der Uniplatz der Altstadt war rappelvoll, auf den Telefonhäuschen und Laternen saßen die Zuschauer, die Menschentraube dröselte sich bis zur Hauptstraße hoch. Mit 5000 Zuschauern hatte man gerechnet, es dürften doppelt soviel gewesen sein. Vom Vorprogramm bekam ich nichts mit. Talkrunden mit den Kandidaten der benachbarten Wahlkreise und Torch und Toni L. rappten das Publikum in Stimmung. Die Videoclips kannte ich von der Homepage der SPD.

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Ute Vogt eröffnete das Hauptprogramm des Abends mit vorgetragenen Angriffen auf Angela Merkel und Günther Oettinger den Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, der Paul Kirchhofs Privatisierung der Rente nach Vorbild der KFZ-Haftpflichtversicherung befürwortet. Uwe Hück, Konzernbetriebsratsvorsitzender der Porsche AG, sprach für die Arbeitnehmerschaft und solidarisierte sich mit dem Kanzler.

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Tja, dann kam er und war die Stimmung schon ganz gut, brandete ein Orkan der Begeisterung auf. Gerhard Schröder knetet das Rednerpult mit der Linken und arbeitet sich mit der rechten durch seine frei vorgetragene Rede. Er erweckte den Eindruck, als ob er es im Alleingang mit allen auf einmal aufnehmen könnte. Kraftvoll und energiegeladen lässt er keine Sekunde einen Zweifel daran, dass er Kanzler ist und auch bleiben wird. Und das überträgt sich auf die Zuhörer, die begeistert mitgehen.

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Wie im ganzen Wahlkampf, mehr als die Hälfte der Zuschauer unter 30 und irgendwie hat die ganze Veranstaltung etwas von einem U2 Konzert.
Nach 40 Minuten beendet er seine Rede, in der viel von Ökologie, sozialer Gerechtigkeit, dem Professor aus Heidelberg und die Rolle Deutschlands in der Welt die Rede war, unter dem Jubel des Publikums.

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Die Kneipen der Altstadt hatten an diesem Montag überproportional viel zu tun. Verschweigen möchte ich nicht, dass die Organisatoren vom Publikumsandrang überrollt worden sind und die Beschallung dieser Menschenmasse nicht gewachsen war. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in Heidelberg auf einer politischen Veranstaltung soviele Menschen gesehen zu haben.

DIW erteilt Kirchhof-Modell schlechte Noten

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Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erteilt dem Kirchhof Modell eine Absage. Das Abschaffen von Steuerprivilegien erreicht nicht die notwendige Verbreiterung der Bemessungsgrundlage, die Voraussetzung für eine radikale Absenkung des Steuertarifs wäre. Ergebnis: Steuerausfälle in Milliardenhöhe, geringer Effekt auf den Arbeitsmarkt, Anstieg der Staatsverschuldung.

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Mit dem Knie denken (Gastbeitrag)

Heute erreichte mich per E-Mail ein kurzer Text meines Gießener Kollegen Benjamin Burkhardt, der sich auf visuelle Aspekte der Politik spezialisiert hat. Für die Verwahrung in der eigenen Mailbox sind die Notizen viel zu Schade, lesen Sie selbst:

"Ich denke sowieso mit dem Knie." So weit Joseph Beuys. Kann sich heute noch jemand vorstellen, dass er zum Ende der 1970er Jahre die grüne Partei in Deutschland mitgegründet hat? Sogar eines der frühen Wahlplakate der Grünen kam von Beuys. Es zeigte einen Hasen in Konfrontation mit einem Zinnsoldaten und hieß "Der Unbesiegbare". Durchgeknallt oder genial - wie auch immer: In seiner Partei wurde Beuys ziemlich schnell kaltgestellt.

Im Wahlkampf 2005 greifen die Grünen sein Erbe aber nun doch wieder auf: Denn neuerdings teilt Joseph (alias Joschka der Unbesiegbare) Fischer mit Beuys nicht mehr nur den Vornamen, sondern auch die Vorliebe fürs Mit-dem-Knie-Denken. Jedenfalls sieht das auf dem Wahlplakat so aus, dass mit dem etwas albernen Slogan "Ja! zu Joschka" daher kommt.

Denkt Joschka Fischer mit dem Knie?

Bild-Zeitungs-KennerInnen werden dabei sofort an ein Titelblatt der so genannten Zeitung im Dezember 2004 denken, auf dem es bezüglich Fischers neuer Flamme hieß: "Ja, Joschka! Sie ist die Richtige".

Aber das nur nebenbei, denn eigentlich ging es ja um das Knie des Außenministers. Auf dem Plakat entspringt diesem Jogging-erprobten Gelenk also eine Denkblase, in der steht: "Ja! zu Joschka". Das ist eine gute Nachricht: In Zukunft reden wir alle hoffentlich nicht mehr so viel über Joschkas Bauch – sondern mehr mit Joschkas Knie.

P.S.: Joschkas Knie denkt derzeit aber nicht nur auf Plakaten, sondern auch in dem grausamen Alm-TV-Wahlspot der Grünen (Regisseur: Pepe Danquart). Dort sind seine Gedanken sogar noch wesentlich komplexer, geradezu verwirrend. Am Anfang denkt es: "Die Grünen sind an allem schuld!" In der Mitte denkt es: "Die Grünen sind nicht schuld an Angela Merkel, an Guido Westerwelle, an Edmund Stoiber!" Und am Ende? Am Ende denkt dann die gute alte Sonnenblume für das Knie: "Zweitstimme ist Joschka-Stimme". Genau ... äh: Ja!

Joschka wer?

Wer ist grüner Wahlkämpfer Nummer eins? Joschka Fischer. Die Kampagne von Bündnis’90/ Die Grünen ist voll auf den heimlichen Parteivorsitzenden zugeschnitten. Kurz: Zweitstimme ist "Joschka-Stimme"?

Man erkennt, wie kurzsichtig diese Kampagne ist. Denn was ist nach dem 18. September? Die Grünen kämpfen momentan nach eigenen Angaben nicht mehr um eine Regierungsbeteiligung - sie haben begriffen, daß Rot-Grün keine Wählermehrheit hinter sich hat. Es geht ihnen um ihre Stellung in der Opposition; sie haben Angst, dort hinter der SPD und der Linkspartei.PDS als kleinste Partei nicht mehr wahrgenommen zu werden.

"Joschka" soll es also richten - der Illusionskünstler vor dem Wähler. Allerdings hat Joschka Fischer keine politische Zukunft mehr. Mit dem Ende des "rot-grünen Projekts" ist er selbst am Ende. Fischer ist Ende Fünfzig, in der Oppositionsfraktion drängeln sich die sogenannten Talente und Altgedienten aus Bund und Ländern um die raren Posten... eine Fraktion voller Leute, die meinen, sie selbst könnten es am Besten.

Daraus folgt: wer für "Joschka" stimmt, bekommt nicht "Joschka". Er wird wohl nicht die kleinste Oppositionsfraktion anführen. Warum sollte er sich das auch antun? Er kann auch keinen Aufbruch, keine Erneuerung verkörpern - oder soll er mit Anfang 60 für die Wahl im Jahre 2009 als grüner Hoffnungsträger noch einmal in den Ring steigen?

Fischer hat gelernt, wann es Zeit zum Abtreten ist; er will nicht zum George Foreman der deutschen Politik werden. Nach der Wahlniederlage wird er aus dem Hintergrund die Strippen in der Partei ziehen und sich sonst auf seine Rolle als Elder Statesman kaprizieren. "Joschka" ist nur noch sentimental-verklärter Mythos - nichts weiter.

Mit anderen Worten: wer die Grünen wegen "Joschka" wählt, verschenkt seine Stimme - er bekommt ein grünes Hauen und Stechen um die knappen Führungspositionen. Das haben bestimmt auch einige Wählerinnen und Wähler bemerkt.

Hans-Joachim Otto
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Beiträge & Kommentare

Lügen haben meist...
In der heutigen Zeit ist jedwede Wahlwerbung ein "Partei-Negativwerbung"...
auch (Gast) - 12. Aug, 12:48
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çeviri (Gast) - 13. Jan, 18:20
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