Als ich heute einen Blick in die
Frankfurter Rundschau geworfen habe, mochte ich meinen Augen kaum trauen:
Heiner Geißler, CDU-Urgestein und ehemaliger Generalsekretär und Bundesminister, bringt dort einen Gastbeitrag zum Weltjugendtag, in dem er unter anderem das "herrschende Wirtschaftssystem" unserer Zeit beklagt. Allen Ernstes schlägt er Papst Benedikt XVI. vor, den Menschen "etwas zum modernen Kapitalismus, der das menschenfreundliche Evangelium ins Gegenteil verkehrt und schweren sozialen und ökonomischen Schaden verursacht, indem er buchstäblich über Leichen geht" zu sagen.
Ich halte den Papst für eine respektwürdige Person, der den Menschen einige interessante und nützliche Dinge mit auf den Weg geben kann. Auch spricht Heiner Geißler in seinem Gastbeitrag Dinge an, die sicher unterstützenswert sind. Sein obiger Vorschlag gehört aber mit Sicherheit nicht dazu. Was für ein Wirtschaftssystem schlägt Herr Geißler denn vor? Hat er – wie die sogenannte "Linkspartei" – übersehen, daß nur das marktwirtschaftliche System den Wohlstand hervorgebracht hat, von dem wir jetzt zehren und der die Finanzierung des Sozialstaats erst ermöglicht? Hat er übersehen, daß nur die Marktwirtschaft eine freiheitliche Wirtschaftsordnung ist? Hat er übersehen, welche positiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ergebnisse die Marktwirtschaft überall dort, wo sie praktiziert wird, erbringt?
Natürlich ist der Markt nicht die Lösung für alles. Es gibt Situationen, in denen der Staat korrigierend eingreifen muß. Seit Jahrzehnten firmiert diese Idee – Geißler sagt es selbst – unter dem Stichwort "Soziale Marktwirtschaft". Auch gibt es sicher Reformbedarf am jetzigen System. Wir alle beklagen Armut und Hunger auf der Welt, und wir alle sollten tunlichst an einer Verbesserung arbeiten.
Man sollte sich jedoch über eins im klaren sein: eine so pauschale und unpräzise Kritik am Kapitalismus, wie die von Herrn Geißler, verbessert nichts. Sie diskreditiert aber ihren Urheber.
Hans-Joachim Otto